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Erster Arbeitstag

Cobys Tagebuch
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vonGünther Martin

Heute ist mein erster Arbeitstag. Ich bin Coby, ein kollaborierender Roboter und arbeite ab heute beim Palettieren mit, d.h. ich nehme Pakete vom Band und platziere sie jeweils passend auf eine Palette. Wenn sie voll ist, wird sie von einem menschlichen Kollegen abgeholt und er stellt mir eine leere Palette hin. Alles ist bestens vorbereitet. Ein Mechaniker hat mich ordentlich installiert, ich habe ausreichend Platz und muss mich nicht jedes Mal mit maximalen Achswinkeln total verrenken. Der Elektriker hat gut gearbeitet und zum Schluss kam der Programmierer. Mit dem habe ich mich angefreundet, denn der hat mir ordentlich beigebracht, was ich tun soll. Es blieb sogar Zeit für einen gründlichen Test.

Jetzt bin ich hochmotiviert, bis in meine Greiferspitzen, und zugegeben auch ein bisschen nervös. Wie wohl die Kollegen sind? Der Firmenboss soll persönlich kommen, um mich vorzustellen. Ich bin der erste Cobot in seiner Firma. Eigentlich stehe ich nicht so gern im Rampenlicht, sondern mache einfach nur meine Arbeit, immer exakt und ordentlich zu jeder beliebigen Zeit. Während ich darüber nachdenke und schnell nochmal einen Selbsttest durchlaufen lasse, geht es schon los. Der Boss steht hinter mir und strahlt stolz wie Bolle. Er erklärt den Kollegen, was ich tun werde. Aus meiner Sicht prahlt er mit mir zu überschwänglich, denn ich bin eher der bescheidene und introvertierte Typ. Dann legt der Boss höchstpersönlich mir die ersten drei Pakete aufs Band, die ich palettieren soll. Trotz meines Lampenfiebers kriege ich das locker und perfekt hin. Premiere geschafft – jetzt kann ja nichts mehr schief gehen?


Etwas Applaus wäre schon schön gewesen, aber da kam nichts. Im Gegenteil: meine Kollegen gucken mich eher skeptisch an. Habe ich etwas falsch gemacht? Hätte ich vielleicht zum Einstand einen ausgeben sollen? Wenn ich gut arbeite und die Kollegen näher kennenlerne, werden wir hoffentlich noch Freunde.

Nach Freundschaft sah es aber zunächst nicht aus. Nachdem ich die ersten paar Paletten erledigt habe und mittendrin bei der nächsten war, hat ein junger Kollege die Palette mit Absicht ein Stück verschoben. Darauf war ich nicht programmiert und habe munter weiter die Pakete dort abgestellt, wo sie jetzt nicht mehr hinpassten. Der ganze Stapel fiel zusammen und ich lies stur weiter Paket für Paket drauf purzeln. Ein Arbeiter griff dazwischen. Darauf war ich programmiert, wie es vorgeschrieben ist. Sobald mir ein Mensch in die Quere kommt, muss ich stoppen. Ich hätte danach gern beim Aufräumen geholfen, aber dafür bin ich noch nicht schlau genug. Es gibt Cobots, die mit beliebig herumliegenden Teilen klarkommen, ich aber nicht. Das Aufräumen mussten meine menschlichen Kollegen selbst machen. Ich hatte gedacht, die sind jetzt stinksauer, aber die waren eher amüsiert und guckten nicht mehr so böse wie noch am Anfang.

Der Bann war gebrochen, dass ich das perfekte Superhirn wäre. Ich bin weder C-3PO noch R2-D2 und schon gar nicht der kraftstrotzende Terminator. Diese Film-Roboter haben das Image meiner ganzen Roboter-Branche versaut. Wir alle sind einfach nur Werkzeuge und intellektuell eher simpel gestrickt. Allerdings haben wir nicht nur ein Image-Problem. Es gibt handfeste Vorbehalte gegen uns und die wurden bei meinem ersten Arbeitstag einfach ignoriert. Technisch war zwar alles perfekt vorbereitet, aber die Mitarbeiter wurden nicht mitgenommen. Eine offene Information und Diskussion über die Vorbehalte sind erforderlich. Welche sind das und wie kann man damit umgehen? Dazu folgende Tipps:





Der Mitarbeiter hat Angst um seinen Arbeitsplatz. Dabei sind wir Cobots in aller Regel kein Job-Killer. Im Gegenteil: Gerade ältere Mitarbeiter, die beim Stellenabbau meist zuerst dran glauben müssen, können länger in Beschäftigung bleiben, wenn die Arbeit dank uns Cobots körperlich weniger anstrengend wird. Ich kann ein Bauteil heben und passend jeweils so platzieren, dass der Mitarbeiter es gut und leicht bearbeiten kann oder die Qualitätskontrolle durchführt. Statt zu entlassen, suchen die Unternehmen heue Fachkräfte. Cobots helfen mit, dem Fachkräftemangel zu begegnen, was wiederum dem Erhalt des Unternehmens und damit der Arbeitsplätze dient. Diese Punkte sollten transparent und so konkret wie möglich kommuniziert werden.

Als Cobot passe ich meine Leistung an meinen menschlichen Kolle-gen an. Arbeitet der langsamer, dann habe ich mehr Pause. Meine Leistung kann sehr genau protokolliert werden. Darüber lässt sich dann auf die Leistung meines Kollegen schließen. Die Verwendung meiner Protokoll-Daten zur Leistungskontrolle ist genauso kritisch zu sehen, wie etwa das technisch leicht mögliche Messen der Geschwindigkeit, mit der ein Verwaltungsmitarbeiter in seinen PC tippt. Hier gibt es nicht nur arbeitsrechtliche Grenzen und Verbote. Wenn über meine Daten Aussagen über individuelle Personen möglich sind, dann unterliegen sie der Datenschutzgrundverordnung (DSGVO). Schon bei der Planung von Cobots, sollte der Datenschutzbeauftragte beteiligt werden.

Verglichen mit den großen Industrierobotern bin ich als Cobot ein Schwächling. Auch alle meine menschlichen Kollegen sind stärker als ich, zumindest kurzzeitig. Das reduziert bereits die Verletzungsgefahr. Bei direkter Konfrontation ziehe ich den Kürzeren. Trotzdem sind Gefahren vorhanden. Wenn ich schnell herumwirbele oder gar mit einem spitzen Werkzeug hantiere, dann reicht schon wenig Kraft, um leichte oder sogar schwere Unfälle zu verursachen. Daher sind exakte Gefahrenanalysen und Gefährdungsbeurteilungen vorgeschrieben. Ich muss die strenge ISO-Norm TS 15066 einhalten. Wenn ich eng mit dem Menschen am selben Bauteil arbeite, sollen Berührungen mit ihm vermieden werden. Lässt sich das nicht ganz vermeiden, dann muss meine Kraft beim Kontakt auf ein absolut ungefährliches Maß begrenzt werden. Genau dies sollten die Mitarbeiter selbst testen können, um am eigenen Leib zu spüren, wie gering die Kollisionswerte sind. Wenn man mich so sieht, glaubt man gar nicht, wie zartfühlend ich sein kann.

Der Mitarbeiter kann sich in zwei Richtungen überfordert fühlen: Durch den Cobot wird die Arbeit noch mehr verdichtet und er gerät unter Zeit-Stress. Oder es geht um Stress wegen geistiger Überfor-derung, d.h. dem Mitarbeiter wird eine einfache Tätigkeit wegge-nommen und er soll eine höherwertige ausführen, für die er sich nicht in der Lage sieht. Während die ersten drei genannten Vorbehalte, nämlich Konkurrenz, Überwachung und Gefahr, auf fachlicher Ebene gut diskutiert und in der Regel ausgeräumt werden können, geht es bei der Überforderung tief in den emotionalen Bereich. Hier ist individuelles Einfühlungsvermögen der Führungskräfte gefragt und deren Bereitschaft, die Arbeitsverdichtung in Grenzen zu halten und in passende Weiterbildung zu investieren. Die Befassung mit dem Thema „Change Management“ ist hier hilfreich.


In meinem konkreten Fall am ersten Arbeitstag saßen alle genannten Vorbehalte tief und es dauerte einige Zeit, bis ich mit meinen Kollegen warm wurde und umgekehrt. Am schnellsten war der Mythos meiner Gefährlichkeit beseitigt, weil alle mal selbst probiert haben, wie zartfühlend ich bin, wenn man mir zu Nahe kommt. Mit dem Thema Konkurrenz und Überwachung hat sich der Betriebsrat beschäftigt und konnte guten Gewissens Entwarnung geben. Er hätte nur besser vorher eingeschaltet werden sollen. Wie es mit dem Thema Überforderung aussieht, kann ich nicht beurteilen. Dafür fehlt mir der notwendige Emotions-Chip. Der wird auch noch lange auf sich warten lassen. Wir Cobots bekommen zwar immer mehr künstliche Intelligenz, aber noch lange keine emotionale.